Pamir / Transalai – Bergfahrt 2002 zum Pik Lenin (Kirgistan)
 

Im August 2002 starteten wir (nach 1988) erneut zu einer Bergtour in den Pamir. Wir, das waren Edgar Nönnig und Rainer Bauch von der DAV-Sektion Altenburg. Diesmal lautete das Bergziel „Pik Lenin“ in der Transalai-Kette in Kirgistan. Dabei handelt es sich um einen von 3 Gipfeln im Pamir, der über 7.000 Meter in den Himmel ragt. Neu waren für uns die Randbedingungen, die sich seit der politischen Wende in der ehemaligen Sowjetunion gewaltig verändert hatten ? aus unserer Sicht übrigens sehr zum Vorteil.

Bereits von Deutschland aus wurden die wichtigsten Formalitäten mit der Agentur IMC Pamir (International Mountain Camp Pamir) in Bishkek, der Hauptstadt Kirgistans, abgewickelt. Darunter zählte die Beschaffung der Besteigungsgenehmigung, der Zugangsgenehmigung für die Progran Zone (eines militärischen Sperrgebietes, wozu auch die Region um den Pik Lenin gehört) sowie des Transportes von Osh bis ins Basislager mit einem alten russischen Jeep. Osh, eine der ältesten Städte Mittelasiens und wirtschaftliches wie kulturelles Zentrum im südlichen Kirgistan, ist auch ein bedeutender Ausgangspunkt für Expeditionen in den Pamir. Diese Dienstleistungen hatten wir in Anspruch genommen, um unnötigen Zeitverlust vor Ort zu vermeiden. Doch ab dem Basislager Atshik Tash waren wir wieder vollkommen auf uns allein gestellt, konnten jedoch dort auf die Annehmlichkeiten eines festen Lagers, welches in früheren Jahren den alljährlich stattfindenden Alpinaden zur Verfügung stand, zurückgreifen. Auch waren wir im Camp die einzigen Gäste von IMC Pamir, dem neuen Eigentümer der kleinen Barackenstadt.

Am 10. August, dem Tag nach unserer Ankunft im Basislager Atshik Tash, unternahmen wir eine erste Akklimatisationstour in Richtung Pik Petrowski bis auf eine Höhe von ca. 4.400 Meter. Bis zu dieser Zeit war das Wetter schön und vielversprechend. Bereits einen Tag später erfolgte die Umsetzung zum Camp 1 auf den oberen Lenin Gletscher. Doch mit unserer Ankunft verschlechterte sich das Wetter. Die nächsten beiden Tage waren wir deshalb im Lager (bei Schneeregen und Nebel) zur Untätigkeit verurteilt, am 3. Tag wurde ich zu allem Unglück noch krank. Unsere Zeitplanung war kaum noch einzuhalten, denn auch die Anreise von Osh ins Basislager hatte sich durch das verspätete Eintreffen der Expeditionsausrüstung verzögert.

Erst am 17. August begann der Aufstieg durch die breite Nordwand des Pik Lenin mit einem ersten Materialtransport in Richtung Camp 2. Vier Tage später, am 21. August, trafen wir schließlich in Camp 3 auf über 6.100 Meter Höhe ein. Eine Eishöhle, die wir mit einem englischen Bergsteiger teilten, diente uns dort als Quartier. Während des Aufstiegs hatten wir mit extremen Temperaturschwankungen zwischen 40 Grad plus am Tag und über 20 Grad minus in der Nacht zu kämpfen. Für eine ausreichende Höhenakklimatisation und um Kräfte für die Besteigung zu sammeln, hätten wir jetzt nochmals bis ins Camp 1 absteigen müssen. Doch aufgrund der bisherigen Verzögerungen stand uns dafür nicht mehr genug Zeit zur Verfügung. Die Rückfahrt vom Basislager nach Osh war für den 26. August vereinbart. Ein Ruhetag in Camp 3, an dem auch die Besteigung des nahe gelegenen Pik Rasdelnaja vorgesehen war, mußte ausreichen. Danach sollte der Aufstieg zum Pik Lenin stattfinden. Wir hatten also keine andere Wahl.

Am 22. August erfolgte dann bei stürmischen Wetter der kurze Aufstieg zur nur wenig ausgeprägten Gipfelkuppe des 6.148 Meter hohen Pik Rasdelnaja, den wir um 12:15 Uhr betraten. Zumindest dieser Gipfel war uns sicher.

Einen Tag später, am 23. August, unternahm ich allein den Versuch, den Gipfel des 7.134 Meter hohen Pik Lenin zu besteigen. Die Aufstiegszeit wird mit etwa 12 bis 14 Stunden angegeben. Um 8:10 Uhr verließ ich das Lager. Es war stürmisch und das Thermometer zeigte auf minus 17 Grad Celsius. Edgar hatte bereits am Vortag abgesagt.

Zunächst mußte ich in einen Sattel absteigen, der sich ca. 100 Meter unterhalb von Camp 3, am Fuß des Westgrates des Pik Lenin, befindet. Erst dort beginnt der eigentliche Aufstieg, der anfangs über einen ca. 400 Meter hohen Geröllgrat verläuft. Dieser endet schließlich auf einem breiten, mit Blockwerk durchsetzten Schneefeld, wo gelegentlich ein 4. Hochlager eingerichtet wurde. Reste hiervon waren noch erkennbar. Bis zu dieser Hochfläche auf ca. 6.400 Meter kam ich gut voran. Der breite Geröllgrat, der im oberen Bereich in Firn überging, war nicht schwierig und anfangs sogar ausgetreten. Während des Aufstiegs kam die Sonne zum Vorschein und das Wetter besserte sich.

Nach einer Rast auf etwa 6.400 Meter Höhe machte sich plötzlich meine ungenügende Höhenanpassung bemerkbar. Der Weiterweg fiel mir erschreckend schwer. Ich quälte mich über die fast ebene Hochfläche und kam dabei kaum vorwärts. Meine Beine fühlten sich wie Blei an. Die Zeit lief mir davon und ich mußte erneut pausieren. Jetzt erst nahm ich das tolle Bergpanorama um mich herum wahr. Fast alle Berge waren mittlerweile niedriger als mein gegenwärtiger Standort. Doch mir wurde auch bewußt, daß ich den Gipfel des Pik Lenin nicht mehr erreichen konnte. Auch wenn es mir inzwischen wieder etwas besser ging, die Zeit für Auf- und Abstieg reichte nicht mehr aus. Ich stieg noch einige Meter aufwärts und beschloß dann umzukehren. Nach meinem Höhenmesser befand ich mich auf ca. 6.600 Meter, direkt am Fuß einer Steilflanke. Bis zum Gipfel fehlten noch etwa 500 Höhenmeter.

Weit unter mir auf dem breiten Schneefeld, in der Nähe von Lager 4, bemerkte ich plötzlich einen Bergsteiger im Aufstieg. Wie sich später herausstellte, handelte es sich hierbei um Edgar. Er war etwa 2 Stunden nach mir auch noch in Richtung Gipfel aufgebrochen, entgegen seiner ursprünglichen Absicht. Ich begegnete ihn während meines Abstiegs. Da Edgar noch einige Meter aufsteigen wollte, suchte ich mir einen windstillen Standort hinter einem Felsblock, um dort auf ihn zu warten. Auch er erreichte die Höhe von 6.600 Meter. Gemeinsam stiegen wir dann zurück zum Camp 3. Wir hatten es nicht mehr eilig und nahmen uns Zeit. Nochmals mußte ein anstrengender 100-m-Gegenanstieg überwunden werden, bevor wir um 16:50 Uhr im Camp 3 eintrafen.

Nach einer weiteren Nacht in der Eishöhle erfolgte am nächsten Tag der Abstieg über Camp 2 nach Camp 1. Unterwegs in Camp 2 wurde unser dort aufgestelltes Zelt und weitere Ausrüstung hinzugeladen. Die Rucksäcke waren danach entsprechend voluminös und schwer. Im Basislager Atshik Tash trafen wir rechtzeitig am 25. August ein, wo schon Karim, unser Kraftfahrer, auf uns wartete. Bereits am darauffolgenden Tag brachte er uns mit seinem russischen Jeep sicher nach Osh und damit zurück in die Zivilisation.
 

Leider hatten wir den Gipfel des Pik Lenin nicht ganz bestiegen. Probleme mit unserem Expeditionsgepäck, welches gleich zu Beginn der Reise nicht rechtzeitig in Bishkek eintraf, sowie Schlechtwetter und Krankheit im Camp 1 führten zu erheblichen Zeitverzug. Diese Tage fehlten am Ende für eine ausreichende Höhenakklimatisation und somit zum Erreichen des Gipfels. Dabei herrschten am Tag unseres geplanten Aufstiegs hervorragende Wetterbedingungen. Doch die Bergfahrt startete in der Saison auch relativ spät, weshalb eine beliebige Verschiebung der Besteigungsversuche kaum möglich war.

Die Erlebnisse der Bergfahrt und die Eindrücke in Kirgistan bleiben dennoch unvergessen und entschädigen mich für den verpaßten Gipfelsieg. Nur selten hat mich ein Land und die dort lebenden Menschen so fasziniert. Dies vielleicht auch deshalb, weil der Tourismus Kirgistan (zum Glück) noch nicht entdeckt hat und Luxus dort nahezu unbekannt ist. Das wurde mir erst bewußt, als ich mich wieder in Deutschland befand. Im Vergleich zu den großartigen Naturlandschaften Kirgistans leben wir in Deutschland in einem überkultivierten und geradezu sterilen Umfeld. Und wir arbeiten daran, dies noch zu perfektionieren.
 

Aufgestellt:  Rainer Bauch

[01.06.2003]



 

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